Gemeinde Hiddenhausen - Posaunenengel

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Station 11
Die Posaunenengel an Hiddenhauser Höfen

Bild eines PosaunenengelsDie In Minden-Ravensberg hat sich die Volkskunst vergangener Zeiten in und an den alten Bauernhäusern am besten erhalten. Die selbstbewussten Bauern ließen - für jedermann sichtbar - wenigstens eine Giebelseite repräsentativ gestalten. Ausgesuchte Ständer, ein vorkragender Giebel, geschnitzte Knaggen und anderes Zierwerk geben jedem Fachwerkhaus sein besonderes Gepräge. Das Prunkstück der Fassade ist das Deelentor.

Die Torständer zieren Wellenranken mit Blättern, Trauben und pickenden Vögeln. Der Querbalken über dem Deelentor ist mit mehrzeiligen Schriftbändern bedeckt. Selbst die Kopfbänder, die den Querbalken mit den Torständern verbinden, zeigen geschnitzte und bemalte Ornamente. Unter den Schmuckformen auf den Kopfbändern tauchen seit 1790 in Ravensberg recht merkwürdige Gestalten auf. Die Körper sind häufig unbekleidet, Arme und Beine auffallend dünn. In einer Hand tragen sie ein Blasinstrument, das man als Tuba, Horn oder Trompete deuten kann. Nur an den Flügeln erkennt man, dass es sich hier um Engel handelt. Und da das Musikinstrument charakteristisch ist, hat sich der Name „Posaunenengel" eingebürgert. Neben dem Blasinstrument finden sich in der Regel verschiedene Beizeichen: Zepter, Kronen, Schlüssel und andere Symbole, deren Bedeutung sich dem Betrachter nicht immer erschließt.

Bild eines DeelentoresDie Posaunenengel wurden wohl ausnahmslos von Landhandwerkern nach Vorbildern aus der städtischen Kultur geschnitzt und bemalt. Im Laufe der Jahre wurden die Engel ständig umgestaltet und in ihrer Darstellung verfeinert, so dass sie heute als eigenständiges Element der bäuerlichen Kultur gelten. Der Bezug zu christlichen Vorstellungen ist nicht zu übersehen. Zusammen mit ihren Beizeichen sollen die Engel den überirdischen Bereich repräsentieren und Gott als Geber und Erhalter loben. Sie sind „in Holz geschnitzter Glaube" (Melchert). Die an Hiddenhauser Bauernhöfen erhalten gebliebenen Engel bestehen aus zwei Gruppen, einer älteren, die zwischen 1842 und 1910 von verschiedenen Meistern geschaffen wurde, und einer jüngeren aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg.

Zur älteren Gruppe gehören in Oetinghausen der Hof Limberg, Holtstraße 5 (im Jahre 2010 abgerissen), in Eilshausen der Hof Dedert, Kampstraße 47, in Schweicheln der Hof Niederbäumer, Lippinghauser Straße 67, in Bermbeck die Höfe Sußiek, Wolfsweg 1, Lücking, Herforder Straße 57, und Eickmeier, Herforder Straße 91.
Farblich schön gestaltet waren die Engel an der Holtstraße, während in der Kampstraße der Engel auf dem rechten Kopfband wegen seiner vielen Beizeichen bemerkenswert ist. Nicht alle lassen sich mit der christlichen Lehre in Einklang bringen.

Abbildung von HolzschnitzereienZur jüngeren Gruppe zählen in Hiddenhausen die Höfe Schröder, Wulferkamp 27, und Stellbrink, Am Frauenholz 101, in Oetinghausen die Höfe Niebuhr, Holtstraße 29, und Meyer zu Eißen, Ortsweg 31. Bei diesen Engeln handelt es sich genau genommen schon nicht mehr um Posaunenengel, denn bei allen fehlt das Musikinstrument. Alle tragen lange, faltenreiche Gewänder und halten als Beizeichen einen Kranz hoch. Drei dieser Engel besitzen ein weiteres Beizeichen, eine langstielige Blume, die eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Lilienszepter Wittekinds in der Kirche zu Enger erkennen lässt. Die Deutung der Beizeichen ist problematisch. Wahrscheinlich spiegeln sich in ihnen Einflüsse aus der Biedermeierzeit wider. Kranz und Palmenwedel wurden damals in bürgerlichen Kreisen als Symbole unvergänglicher Freundschaft gewertet.

Im vergangenen Jahrhundert ist die Zahl der Fachwerkhäuser in Hiddenhausen drastisch zurückgegangen. Kannte man um 1930 noch 15 Häuser mit Engelsdekor, so sind es heute nur noch 10. Die meisten Engeltorbogen wurden deshalb unter Denkmalschutz gestellt.

Literatur:
Angermann, Gertrud: Engel an Ravensberger Bauernhäusern, Münster 1986.